Der angesprochene Stein

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29. Oktober 2006 - 17:00

Österreichische Uraufführung der Oratorien von Bronius Kutavičius am 
Samstag, 28.Oktober 2006, 19.45 Uhr in der Herz-Jesu Kirche Graz und am
Sonntag, 29. Oktober 2006, 17 Uhr in der Stadtpfarrkirche Gleisdorf.

„Aus dem jatwingischen Stein“ (Chor und Volksinstrumente)

„Der letzte heidnische Ritus“ (Chor, Solistin, Orgel und 4 Hörner) 12 Männer sitzen im Halbkreis, der Dirigent gibt einen Auftakt, die Musik beginnt und… man hört nichts anderes, als nur die Klänge von den rhytmisch geklopften Steinen. Später ruft eine tiefe Stimme: „Kails, noussen gignethe!“ – was auf jatwingisch „Hallo, unser Stammesbruder!“ heißt. So herausfordernd ist der Beginn des Oratoriums „Aus dem jatwingischen Stein“ von dem litauischen Komponisten Bronius Kutavičius. Zur Zeit der Allerheiligen besucht man den Friedhof, macht eine Runde zwischen den Grabsteinen. Am 28. und 29. Oktober liegt jeweils ein unbekannter Stein auf dem Weg: Der Stein, von dem die fernen, in diesem Raum noch nie gehörten Klänge ertönen. Während die anderen Komponisten aus dem Bereich der ehemaligen UDSSR (wie etwa der Este Arvo Pärt oder die Russin Sofija Gubajdulina) hierzulande schon öfters aufgeführt werden, bleibt der 1932 im dörflichen Litauen geborene Bronius Kutavičius immer noch ganz unbekannt.Der Stein, der als Grabstein für das Verstorbene und Verschwundene gilt. Die Oratorien „Der letzte heidnische Ritus“(1978) und „Aus dem jatwingischen Stein“(1983), sowie die weiteren Stücke des Komponisten blicken zurück in das Altertum, in die Religionen, Regionen, Sprachen, Völker, Mythen, die die Wurzel unserer heutigen Kultur sind, manche aber gar nicht mehr existieren. Unter dem Verschwundenen kann man auch die geistige Ebene überhaupt verstehen: wo sie hinausgejagt wird, will man sie zurückrufen. In dem Sinne ist B. Kutavičius selbst ein Eckstein der litauischen Musik, der eine wesentliche Rolle vor allem in den 80-90er Jahren in Litauen gespielt hat: Seine Werke waren sogar verboten, weil sie der sowjetischen Regierung zu modern, zu unklar, zu gefährlich waren. Für die intellektuellen Schichten aber – anregend und bedeutsam.

Bronius Kutavičius
Kutavičius verwendet alle zeitgenössische Kompositionstechniken von serieller Musik bis Aleatorik, doch der von ihm dargestellte Minimalismus kommt nicht aus Amerika, sondern stammt aus der archaischen litauischen Volksmusik. 

Das Oratorium ist ein im 17.Jhd. entstandenes vokal-instrumentales Genre, das meistens mit Chor, Solisten und Orchester aufgeführt wird. Das Orchester der Kutavičius’ Oratorien ist aber ganz untypisch. Bei „Dem jatwingischen Stein“ sieht man eine Reihe von exotischen Volksinstrumenten: Steine, kanklės (ein Zupfinstrument ähnlich der Zither), skudučiai (ein eintöniges Blasinstrument), ein Bogen mit einem Ballon, der zum Resonanzraum wird und mit einem Kontrabassbogen gestrichen wird, die mit Wasser gestimmten Glasflaschen, Trommel, Pfeifen u.a. 

Das theatralische Element ist für Kutavičius sehr wichtig. Außer dem Singen gibt es auch eine Regie. Der Chor kommt herein und geht hinaus, bewegt sich im Kreis und in Linien. Umhüllt vom Klang fühlt sich der Zuhörer als Teilnehmer eines Mysteriums. Oder als Teilnehmer eines Ritus, den die Heiden zum letzten Mal erleben: Nach den 4 Sätzen, in denen man Sommer, Berg, Schlange und Eiche verehrt, drängt ein strahlender Orgelchoral, der siebenmal wiederholt wird, den noch immer singenden Chor aus der Kirche - das symbolische Verschwinden des Heidentums und das Aufkommen des Christentums im 14.Jhd. in Litauen.

Um die von der Ostsee stammende Musik authentisch zu präsentieren, wirkte bei den beiden Konzerten eine ganze litauische Abteilung mit. Die Gäste aus Vilnius (die Hauptstadt Litauens) gestalteten das Projekt gemeinsam mit dem ChorForum Gleisdor

Leitung: 
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